Tag 6 – Zwischen Vorsicht und Offenheit

Die Nacht im Bauwagen lässt mich absolut erholt aufwachen. Trotz der Anstrengung des letzten Tages fühle ich mich ziemlich gut. Der viele Schlaf zahlt sich aus.

der ausgebaute Bauwagen

Die liebe Besitzerin bringt mir sogar Frühstück und genüsslich verspeise ich dieses in aller Ruhe.
Natürlich vergesse ich nicht eine großzügige Spende, denn dieser Ort wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben.

Das fast schon rituelle langsame Loslaufen startet sehr entspannt und führt kurze Zeit später durch ein kleines Gatter. Die Pferdeweide liegt auf dem Wanderweg oder wahrscheinlich eher anders herum (das Ei oder Hähne-Prinzip). Dies scheint für die Tiere schon zum Allttag zu gehören, denn sie würdigen mich nicht mal eines Blickes.
Der Wald wird dichter, bis ich vor einem riesigen umgefallen Baum stehe. Er liegt mitten auf dem Pfad und vorsichtig gehe ich einen Bogen drumherum. Der Sturm muss hier stark gewütet haben.

Zwischen Werne und Lünen

Am Schloss Cappenberg vorbei und schon bin ich recht schnell in der Stadt Lünen, die mich an der Hauptstrasse ins Zentrum bringt.

Kilometertechnisch ist die Etappe mit insgesamt 26 Kilometern verzeichnet, ziehen sich aber nach Dortmund hinein wie zäher Kaugummi.

Mein Gesichtsausdruck spricht für sich 🙂

Mein Hostel liegt direkt auf dem Jakobsweg und ich trete schon die letzten 20 Meter im Vollsprint an, als mich ein Mann von der Seite anspricht. Meine erste Reaktion ist abweisend, da ich damit rechne, dass er mir etwas verkaufen will. Ich brauche einen ganzen Moment, um zu verstehenn, worauf er hinaus will.

Es stellt sich raus, dass er meine Wanderausrüstung gesehen hat und einige Fragen dazu hat.
Am Freitag wird er mit seiner Begleitung nach Remsau fahren und dort seinen toten Hund auf dem Berg begraben. Er macht sich aber riesige Sorgen, ob das Gewicht, zu viel für ihn ist und er es eventuell nicht schafft. Ich kann ihm diese Entscheidung nicht abnehmen, aber ich erzähle ihm von meinen Erfahrungen und versuche nach besten Wissen und Gewissen Tipps zu geben.
Der Gute hat außerdem spanische Wurzeln und ironischerweise verläuft ein Teil des Jakobsweges durch seinen Heimatort.
Er wird mir berichten, wie es am Wochenende laufen wird und ich verabschiede mich von diesem außergewöhnlichen Gespräch.

Der Grat zwischen einer gewissen Vorsicht gegenüber Fremden und trotzdem Offen für einen Teil ihrer Geschichte zu sein, wird mich sicherlich auf diesem Trip (und in meinem Leben) weiter begleiten. Weniger schnell zu verurteilen, weil der erste Eindruck anders ist, als wir ihn vielleicht gerne hätten. Dieses „Problem“ liegt immer in uns selbst, als im Gegenüber.

Im Hostel heißt es fix duschen und in der Innenstadt gehe ich auf Nahrungssuche. Während meines vietnamesischen Abendessen höre ich Leuten der Dortmunder Montagsdemo zu. Ernste Worte zum Thema Rassismus/Faschismus fallen und bringen nachdenkliche Gedanken mit sich.

Der Abend ist der kompletten Planung der nächsten Tage gedacht und hinterlässt einen frustrierten Nachgeschmack. Die Unterkünfte in den nächsten Tagen bereiten mir Kopfzerbrechen. Aber morgen ist auch noch ein Tag. Zeit fürs Bett.

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