Tag 78 und Tränen am Morgen

Der starke Wind hat mein Zelt ordentlich durchgepustet, die angesagten Gewitter sind ausgeblieben und es gab nur kurzzeitig Regen.

Um 5:30 Uhr wache ich mit starken Schmerzen im Steißbeinbereich linksseitig auf. Egal wie ich mich drehe oder wende, es wird nicht weniger. Ich kann nochmal einschlafen und als um 7 Uhr der Wecker klingelt, ist das unschöne Gefühl weiterhin vorhanden. Es bereitet mir große Sorgen und so nehme ich meine erste Schmerztablette auf dieser langen Wanderung. Vor der Tablette esse und trinke ich, was die Wirkung verzögert.

Sehr langsam packe ich alles ein, ich habe zum Glück leichtes Proviant und nehme nur eine halb volle Flasche Wasser mit. (Die Auffüllmöglichkeiten sind zurzeit ziemlich gut).
Mit großen Sorgen ziehe ich los, nach den ersten paar Metern laufen mir Tränen über die Wangen.

Weinen wird oft als Schwäche angesehen, aber bei genauerer Betrachtung bin ich gegenteiliger Meinung. Die Ehrlichkeit, die sich dadurch ausdrückt, ist tief und trägt nichts böses in sich. Gefühle sind ein Teil von dem was uns ausmacht, wir sind keine Roboter. Meist sind nur bestimmte Emotionen wie Freude oder Glück gern gesehen, aber die ganze Palette gehört nun mal dazu.

Da ich nah am Wasser gebaut bin, kann ich dies oft nicht zurückhalten. Ein wichtiger Mensch sagte mal zu mir, das dies ein wichtiges Ventil für mich sei.

Als ich mir eine Träne genauer anschaue, kann ich an dem emotionsgeladenen Tropfen nicht negatives erkennen. Sie glitzert in der Sonne. Sie ist glasklar und schmeckt salzig wie das endlose wunderschöne Meer.

Es dauert fast zwei Stunden bis die Schmerztabletten wirken, und ein paar Tränen haben mich gleichzeitig leichter fühlen lassen.

Weite Blicke

Abwechselnd führt der Weg auf Asphalt und Waldwegen entlang. Die Aussichten sind toll, der Himmel ist morgens noch sehr zugezogen, es klart aber zum Mittag hin leicht auf.

Wegmarkierung

In Espeyrac hole ich mir in einer Epicerie (=Lebensmittelgeschäft) für eine längere Mittagspause einen Kartoffelpuffer und Karottensalat.

Nach Sénergues zieht es kurzzeitig nochmal an, bevor es an Weiden und Feldern vorbei geht.

Kurz vor meinem Etappenziel laufe ich steil bergab ins Tal. Conques ist nur ein kleines Dorf, aber es wird als eines der schönsten in Frankreich beschrieben. Der Ort ist zwischen den Bergen gelegen und sehr idyllisch. Die Häuser aus Stein versetzen mich in eine andere Zeit zurück.

Conques

Auf dem Weg zum Campingplatz verliere ich weitere Höhenmeter. Die Preis ist für den in die Jahre gekommenen Platz leicht überteuert. Er ist verhältnismässig gut besucht.

Conques schön in den Bergen gelegen

Nach dem Zeltaufbau und einer Dusche kümmere ich mich um die Etappenplanung. Anschließend wäre ich gerne zurück hoch nach Conques gelaufen, um die Gassen des Ortes zu erkunden. Es ist allerdings Regen angesagt und die Müdigkeit sitzt tief. Da es keinen richtigen Supermarkt gibt, entscheide ich mich für das Restaurant des Campingplatzes. Das Essen ist ganz in Ordnung, der Kellner sehr freundlich. Vollgefuttert gehe ich zu meinem Zelt zurück. Der Schmerz im Steißbeinbereich ist nicht zurück gekehrt.

Zum Einschlafen lausche ich dem Fluss hinter meinem Zelt.

[Kleine Anmerkung: Dieser Eintrag liegt ein paar Tage zurück und es gibt keinen Grund sich Sorgen zu machen. Ich passe auf mich auf und das die Reise hart und lang werden würde, war mir vorher klar. Dazu gehören auch Situationen, die nicht so einfach sind.]

2 Kommentare

  1. Ich finde es einfach klasse, dass Du Deinen Weg gehst und Dich von „Rückschlägen“ nicht entmutigen lässt. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht immer einfach ist. Es ist immer wieder schön Deine Berichte zu lesen und man fiebert schon ein bißchen mit. Weiterhin viele gute Gedanken, die Dich an Dein Ziel bringen mögen.

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