Tag 42 – Wallfahrtort Vezelay

Um 8 Uhr gibt es Frühstück und ich setze mich zu Petra an den Tisch und für knapp zwei Stunden verquatschen wir uns. Gegen 10:00 verabscheide ich mich von der lieben Niederländerin und ihrem Hund. Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen und entgegen der Wettervorhersage strahlt mir die Sonne ins Gesicht.

Bergaufwärts führt der Weg in einen schönen Wald, der durch das Sonnenlicht in einem lebendigen Grün zur Geltung kommt und durch die nassen Blätter funkelt und blitzt es überall.
Mein Blick ist aber vorallem auf den Boden gerichtet. Nasse Wurzeln und Steine in Kombination mit einem aufgeweichtem Boden und einer Schicht Blätter sind ein eher gefährlicher Untergrund und erfordert volle Konzentration.

Wunderschöner Waldabschnitt

Ich fühle mich heute nicht wirklich fit und mache nach einer Stunde die erste Pause, da ich trotz Frühstücks schon wieder Hunger verspüre. Mein Essensack ist mal wieder eher leer, da Supermärkte hier sehr rar gesäht sind.

Anschließend geht es mir schon besser und ich lasse Bessy-sur-cure und Arcy-sur-cure schnell hinter mir. Waldabschnitte werden von kurzen Wiesenstrecken unterbrochen, hier hätte man sicher wunderbar Wildzelten können. Ich vermisse es im Zelt zu schlafen, aber Regen und Wind beherrschen seit gut zwei Wochen den Herbst, und auch die gefallenen Temperaturen stimmen mich eher nicht in Campinglaune. Ich hoffe aber noch auf ein paar gute Herbsttage.

Auf einer Bank in der Ortsmitte hole ich meinen Gaskocher heraus und erhitze Wasser für einen Kaffee und Nudeln. Die warme kleine Mahlzeit fühlt sich gut an. Der Himmel zieht sich weiter zu und man kann erkennen, dass heute nicht so wirklich mein Tag ist, weil ich mir tatsächlich einen zweiten Kaffee aufsetze. Diesen habe ich zur Hälfte ausgetrunken, da fängt es an zu nieseln. Alles schnell in den Rucksack gepackt und der Wind stimmt mich dazu, meine neue Ausrüstung komplett auszuprobieren. Meine alte kuschelige Fleecejacke ziehe ich bis zur Mitte des Halses, darüber die Regenjacke, die mir bis zum Kinn reicht und meinen Hals besser schützt. Die dunkelblaue Regenhose erinnert mich vom Schnitt an eine typische Wanderhose und sitzt leicht, aber wärmend an meinen Beinen. Die neue Mütze ist weinrot und schmiegt sich angenehm und eng an meinen Kopf. Die Handschuhe gefallen mit ebenfalls, da sie leicht und wasserabweisend sind und kalte Finger wirklich unangenehm sein können. Letztendlich schwinge ich mir meinen alten grauen Poncho über, der mir jegliche menschliche Körperform nimmt und mich eher aussehen lässt wie eine Kreuzung zwischen einem Dementor und Quasimodo.

Kleiner Zwerg

Nach 15 Minuten bekomme ich aus den Kohlenhydraten und der ungewohnt hohen Koffeindosis einen heftigen Energieschub. Ich muss mich zurückhalten, um nicht schon auf der ebenen Strecke aus der Puste zu kommen und laufend über die Steine zu stolpern. Meine Beine sind auf Autopilot geschaltet und angesichts meines Unwohlsein, bin ich überrascht über das Tempo. Mein Körper funktioniert und gedanklich verschwinde ich im Kopfkino.

Ich kann mein Etappenziel sehen, denn hoch gelegen muss ich mich die letzten zwei Kilometer stark bergaufwärts quälen. Verschwitzt und aus der Puste erreiche ich Vezelay. Das Dorf ist als Wallfahrtsort bekannt und mit seinen 500 Einwohnern übersteigt die Touristenanzahl diese Zahl um ein vielfaches.

Etappenziel auf dem Berg

Nach 30 Kilometern bin ich um 17:30 Uhr total erledigt und versuche die öffentliche Herberge zu finden. Ich sehe ein Schild, das sehr stark danach aussieht, als könne es mir weiterhelfen (Ich erfahre später, dass es das offizielle Pilgerbüro ist). Im 2. Stock öffnet mir eine Frau die Bürotür und ich frage sie, ob sie Englsich spricht und stolz und unfreundlich, verneint sie dieses. Mit meinen Händen bedeute ich ihr, ob sie ein Bett frei hat. Sie wird unhöflich und verneint dieses ebenfalls. Ihre Art ist wirklich unsympathisch, also drehe ich mich um, und sage „Okay. Merci, au revoir.“ Da wird sie laut und pfeift mich im Umdrehen zurück. Auf einmal bemerkt sie meine Maske und schnauzt mich auf französisch an, warum ich eine Maske trage? Verwirrt zeige ich auf das Schild direkt neben ihr, das die Maskenpflicht aufzeigt. Sie gibt mir kopfschüttelnd zu verstehen, wie sinnlos das ist und mir wird das wirklich zu dumm und ich drehe mich erneut um, um zu gehen. Wieder sagt sie etwas in einem scharfen Ton, zeigt mir die Richtung, in der die Herberge ist und faselt noch etwas über Corona. Ich presse noch ein „Merci, au revoir.“ hervor und verschwinde.
Ich bin zu erschöpft, um mich aufzuregen und suche die Herberge, wo mich ein Mann mit gebrochenen Englisch, aber Freundlichkeit begrüßt.
Ich bin heute die einzige hier, aber er erzählt mir, dass die letzten Tage ein paar Pilger hier waren. Ich selbst habe seit Wochen niemanden gesehen und hoffe bald auf jemanden zu treffen.

Basilika in Vezelay

Schnell flitze ich zu einem kleinen Supermarkt, dessen Preise wirklich exorbitant sind. Es ist mir egal, mein Vorrat ist fast leer und für die Kleinigkeiten zahle ich 15 Euro. Eine Dusche ist dringend notwendig, ein Nachteil meiner neuen Kleidung ist, das ist zwischendurch doch stark schwitze und dementsprechend rieche ich heute auch.

In der Küche gibt es eine große Portion Nudel mit Kodneybohben für mich und nebenbei unterhalte ich mich mit dem Hospitalero Francis, der mich vorher empfangen hatte. Er hat vor seiner Rente für ein Atomkraftwerk gearbeitet und ich erfahre ein paar wichtige und erstaunliche Fakten. Anschließend falle ich müde ins Bett.

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