Mount Taranaki – einer der krassesten Tage meines Lebens

Hinweis: Dieser Blogeintrag kann Spuren von Adrenalin enthalten.

Donnerstag, 16.03.2017

Nach gut 6 Stunden Schlafens stehe ich um 06:30 Uhr aus dem Bett auf, frühstücken, Sachen packen und um 07.15 Uhr stehe ich mit Christian und Janis vor dem Hostel, 5 Minuten später läd uns der Shuttle ein. Es geht etwa 35 Minuten zum Mount Taranaki.

Der Mount Taranaki ist ein 2518 m hoher, inaktiver Vulkan mit Spitzkegelform und ist der meistbestiegene Gipfel Neuseelands. Er hat die zweithöchste Todesrate auf allen neuseeländischen Bergen, aufgrund des sehr wechselhaften Wetters in der Kombination mit sehr unerfahrenen Bergsteigern. Unser Weg startet „schon“ bei 950 Metern.

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der majestätische Mount Taranaki

Im Van sitze ich neben Jake, er kommt aus Kansas (USA) und wir verquatschen uns. Wir kriegen einige Tipps und um 08:00 Uhr starte ich mit Christian und Janis. Es gibt verschiedene Wege, aber für uns soll es der Summit Track sein – der Weg zur Bergspitze. Ob ich dorthin komme, lasse ich mir offen. Ich kann den Mount Taranaki nicht einschätzen, zumal es meine erste Bergbesteigung ist und ich beim Anblick großen Respekt entwickle. Bereits von dem Parkplatz haben wir eine tolle Aussicht auf die Umgebung.
Die ersten Meter sind noch kein Problem, aber recht schnell zieht der Weg auf einer Schotterstraße gut an und meine Kondition wird hier schon beansprucht. Ich zweifle weiter an meinem Vorhaben, jedoch ist mein Ehrgeiz dabei immer weiter zu wachsen. Die Schotterstraße ist gut zu laufen, wird aber immer steiler. Die Aussicht wird wirklich mit jedem Schritt schöner, obwohl wir gerade mal am Anfang sind. Die Umgebung ist durch die Morgensonne in der Ferne noch in ein leicht nebelhaftes Kleid gehüllt und ergibt eine tolle Sicht.

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wunderschöne Morgensonne

Wir treffen nach kurzer Zeit Leon, aus Deutschland, der auch auf die Spitze laufen möchte und uns schnell überholt.
Nach gut einer Stunde sind wir schon ein gutes Stück gelaufen, ein paar wenige Menschen sind unterwegs. Die Straße wird zu einem Pfad, der immer schmaler und ganz langsamer schwieriger wird. Hier und da sind ein paar kleine Felsen zu überwinden und bald hört der richtige Weg auf und als Anhaltspunkte sind Eisenstangen mit orangener Markierung angebracht, um die Richtung vorzugeben. Große Steine bzw. Felsen gibt es zu überqueren, aber es hält sich noch in Grenzen und ist relativ einfach zu meistern. Es geht neben einer großen, steilen Steinwand entlang, und alle die Herr der Ringe kennen: dieser Ort erinnert mich an eine Miniaturausgabe von Bruchtal, bzw. den Weg, wenn die Hobbits das Tal verlassen. 😀 Aber das ist wahrscheinlich meine ganz eigene Interpretation.
Schon bald kommen wir zu den Treppen. Wirklich unzählige steile Stufen geht es bergauf und so überwinden wir schnell viele Meter und es fühlt sich fast schwindelerregend hoch an. Bloß nicht runtergucken.

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Zu diesem Zeitpunkt ist Christian schon lange an uns vorbei gezogen und Janis und ich unterstützen uns mental gegenseitig. Wir sind beide sehr skeptisch, was die Erklimmung dieses Berges angeht, so versuchen wir unser bestes. Die Anzahl der Wanderer nimmt zu.

Die Stufen scheinen gefühlt nicht zu enden und wir kommen gut ins Schwitzen. Weiter geht es auf einem kleinem Pfad, der sehr schnell wieder verschwindet und von nun an, gibt es keinen „richtigen Weg“ mehr, nur noch markierte Eisenstangen, die die Richtung weisen. Größere Steine gilt es zu überwinden, langsam wird es rutschiger, da die Anzahl von kleinen Steinen zunimmt. Die Spitze scheint noch sehr weit entfernt. Bis hier sind wir schon total aus der Puste und es geht uns gut.

Das nächste Stück sieht dann aber schon anders aus und wird sich als das schlimmste und härteste erweisen. Es geht richtig steil bergauf, es sind aber fast keine Felsen mehr da. Es ist eine Art offene Kieslandschaft, aus kleinen Steinen, gemischt mit sandartigem, trockenem Boden. Hier gibt es kaum Haftung und das Laufen erweist sich als sehr,sehr schwer. Die meiste Zeit versuche ich mich auf allen vieren fortzubewegen. Immer wieder rutscht man weg, es gibt kaum Halt. Dieser Part ist lang und ermüdent. Der Respekt wächst, aber auch mein Ehrgeiz.

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der wohl schlimmste Part auf dem Weg nach oben

Janis und ich setzten uns in den spendenden Schatten eines größeren Felsens am Rand zu zwei anderen Deutschen. Die beiden werden nicht weiter gehen, für sie reicht es und auch Janis ist sich mehr als unsicher, wie es für ihn weitergeht. Er trifft letztendlich die Entscheidung, dass auch für ihn an diesem Punkt Schluss ist und ich ziehe meinen Hut vor dieser Entscheidung. Es ist gut zu wissen, wann man seine Grenze erreicht hat und mit zu großen Selbstzweifeln sollte man den weiteren Weg nicht beschreiten, um sich dadurch evtl. nicht selbst zu gefährden.
Für mich geht es weiter, mein Mut wird größer. Der Weg wird vorerst nicht besser. Der Untergrund wird rutschiger, der Berg steiler. Es ist volle Konzentration angesagt. Nach einer gefühlten Ewigkeit ändert sich die Art des Aufstieges. Von nun an heißt es mehr klettern als laufen. Große Felsen stellen sich in den Weg und der ganze Körper wird beansprucht. Auch hier gilt es sich zu konzentrieren. Der Gedanke an die Frage, wie ich hier wieder runterkomme… wird gedanklich immer wieder beiseite geschoben. Eins nach dem anderen. Erstmal hochkommen. Nicht nach oben gucken und nicht nach unten. Ein Schritt nach dem anderen. Wo kann ich mich hochziehen? Wo meine Füße abstellen? Die harten, rauhen Felsen lassen die Hände schmerzen. 30-40 Sekunden klettern, dann immer wieder kurze Mini-Pausen. Durchatmen. Fokussieren. Weitermachen.
Die Treppen liegen in weiter Ferne und seitdem geht wirklich alles nur noch in Schneckentempo. Erst die offene unbefestigte Piste, dann die Felslandschaft.
Ich erinnere mich an einen Spruch eines guten Freundes, den er mir vor kurzem erst schrieb: „If you want to go far, go slow“. Mir ist natürlich schon von anderen Wandertouren bewusst, wie wichtig es ist, sein eigenes Tempo zu finden. Sich nicht von anderen mitreißen lassen. Wandern ist kein Wettkampf, andere Vorbeiziehen lassen ist also für mich kein Problem. Dennoch erinnere ich mich immer und immer wieder daran, langsam zu machen. Ruhig zu bleiben und tief durchzuatmen.
Ich sehe das der Weg sich ändert und bevor es zur direkten Spitze geht, biegt ein winziger Pfad um die Ecke. Ein kalter Windstoß erfasst mich. Meine Gänsehaut bittet um meine Fleecejacke. Ich gehe ein Stück weiter und inmitten des Kraters des Vulkans liegt Schnee. Unfassbar. Die Temperatur sinkt und der Wind nimmt stark zu.

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Schnee im Krater des Mount Taranaki

In diesen geht es hinein und dann stehe ich im Schnee in dieser schier unwirklichen Kulisse. Der Schnee ist glatt und rutschig und es geht ein paar Meter nach oben, bis ich dann meinen direkten Weg zur Spitze nehmen. Eine Mischung aus großen Felsen und rutschigem Geröll erwartet mich. Die letzten 10 Minuten wird es nochmal richtig anstrengend und dann ganz plötzlich bin ich nach 4 Stunden und 15 Minuten oben angekommen. Es geht nicht weiter hoch. Eine Art kleine Ebene entpuppt sich als Bergspitze.

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Wow, der Blick ist unbeschreiblich. Vollkommen absurd unwirklich. Undendlich weit und wunderschön. Atemberaubend. Ich habe noch nie etwas derart schönes, vergleichbares gesehen.

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Der Blick reicht ewig weit, sogar die Südinsel ist schemenhaft zu erkennen. Der Berg ist umrundet von kilometerlangem, dichtem Wald. Danach sieht man weiter grüne Flächen, vereinzelte Dörfer, auch New Plymouth ist zu sehen. Winzig klein. Und dann endet die Umgebung und geht ins Meer über. Der blaue, fast wolkenfreie Himmel und macht diesen Tag perfekt.

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Ganz geplättet von dieser Aussicht und diesem Ort, suche ich mir einen windgeschützen Ort und verspeise glücklich mein mitgebrachtes Essen und grinse fast schon grenzdebil vor mich hin. Ich bin unfassbar stolz auf mich und das Gefühl, dass ich es wirklich nach oben geschafft habe, wird mich noch die nächsten Tage begleiten.
Kurze Zeit später sitzt Jake (aus dem Bus) neben mir und mit dem Amerikaner unterhalte ich mich für ein paar Minuten. Kurz danach begegne ich Leon und wir tauschen Telefonnummern aus, da meine Reise in einigen Tagen weitergeht und er mich für ein Stück mitnehmen kann.
Der Franzose Mathieu, der mir beim Aufstieg immer wieder begegenet ist, ist so nett und macht ein paar Fotos von mir und ich versuche den Ausblick einzufangen. Es gelingt mir nicht. Nichtmal ansatzweise. Ich halte dies sogar für fast unmöglich die wahre Schönheit der Natur in einem Foto festzuhalten. Ich kann es nichtmal richtig mit Worten beschreiben, was der Blick in die Ferne mit mir macht. IMG_0700
Nach gut 45 Minuten mache ich mich langsam auf. Nun steht der Abstieg bevor und meine Angst bzw. meine Sorgen sind größer als vorm Aufstieg. Von der Spitze wieder runter zu kommen erweist sich schon als kleine Rutschpartie. Im Krater stehe ich wieder im Schnee und genieße für ein paar Minuten die Umgebung.

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Zuerst gilt es wieder die großen Felsen runter zu klettern, dies ist anstregend und da ich sehr vorsichtig bin, brauche ich auch sehr lange. Nach gut 20 Minuten, mache ich einen Moment Pause auf einem Felsen, als von unten ein mir bekanntes Gesicht entgegen kommt. Es ist der Engländer Arnie, den ich in Taupo kennen lernte. So verquatschen wir uns für etwa 20 Minuten und dann macht er sich weiter auf zur Spitze, während ich in die entgegen gesetzte Richtung klettere. Von der körperlichen Anstrengung hält sich der Weg nach unten in Grenzen, sogar meine sonst so empfindlichen Knie merke ich nur minimal. Am wichtigsten ist die Konzentration. Wo kommt welcher Fuß hin, wo welche Hand? Die Gefahr abzurutschen ist mit jedem Schritt da und ich erinnere mich immer wieder daran fokussiert zu bleiben. Wie bekämpft man seine Angst? Genau, in dem man sich ihr stellt. 😉

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Blick nach oben – der Kletterpart

Mein Shuttle fährt um 16:30Uhr zurück, bereits am Anfang des Tages war mir klar, dass die Zeitspanne für mich sehr kurz bemessen ist. Da mir der Weg nach unten deutlich schwieriger erscheint. Wirkliche Sorgen machte ich mir zu keinem Zeitpunkt. Ich würde mich nicht unnötig beeilen und die Gefahr eines Sturzes riskieren oder ähnliches. Die Möglichkeit des Zurückfahrens würde sich schon anderweitig ergeben, da bin ich mir zu jedem Moment sicher.
Langsam und mühsam in kleinen Schritten komme ich irgendwann an den schlimmsten Part des Berges. Das offene Gelände bestehend aus sandartigem Geröll. Wie zur Hölle komme ich hier nur runter ohne mich alle zwei Schritte auf den Hintern zu setzen? Ich gehe in die Hocke und mit den bloßen Händen versuche ich mich zu schieben und rutsche in gehockter Stellung langsam den Berg herunter. Das klingt spaßig, ist es aber nicht. Meine Schuhe versinken immer wieder komplett in der Mischung aus Dreck, sandartiger Erde und kleinen Steinen, meine Hände fühlen sich wund an und unzählige Male setze ich mich komplett auf meinen Hintern, manchmal rutsche ich ungebremst schneller als geplant ein paar Meter runter, das Bremsen mit den Händen wird immer schmerzhafter. Aber auch der schlimmste Teil endet nach gefühlter Ewigkeit und der Weg wird langsam besser und ein kleiner Pfad tut sich langsam auf.

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Treppenstufen nach unten führend

Bis ich endlich zu den Treppen komme. Beim Aufstieg grauste es mir sehr, diese wieder runter zu müssen. Diese erweisen sich allerdings als problemlos, auch wenn sie deutlich mehr auf die Knie gehen, so bin ich doch froh einen festen Untergrund zu haben, der nicht jeden Moment weg rutschen kann.

Ich begegne einem Neuseeländer und einem Australier, die das selbe Tempo haben und nach einem Gespräch bieten sie mir an mich zurück nach New Plymouth mitzunehmen, sollte ich meinen Shuttle nicht schaffen.
Der Pfad wird kurzzeitig nochmal schwieriger bis er dann endlich in eine Schotterstraße übergeht. Der Unterschied des Laufens ist unfassbar. Beim Ausruhen zittern meine Beine vor sich hin und in langsamen Tempo gehe ich mit den beiden weiter bergab. Einer von ihnen hatte starke Knieprobleme und kann nur kleine Schritte gehen. Das gemässigte Tempo kommt mir zu gute und nach fast 5 Stunden des Abstiegs verpasse ich meinen Shuttle um 15 Minuten. Ich bin dankbar, dass die beiden mich mitnehmen und der Blick vom Parkplatz zurück zum Mount Taranaki ist vollkommen unwirklich. Der Berg steht stolz in der tiefstehenden Sonne und mir kommt alles furchtbar unrealistisch vor.

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Blick zurück auf den Mount Taranaki und den vergangenen Tag

Gegen 18:00 Uhr werde ich im Hostel schon von Janis und Christian erwartet. Beiden geht es gut. Am meisten freue ich mich jetzt auf meine Dusche. Das heiße Wasser spült den Dreck, den Staub und den Schweiß weg. Das überglückliche, stolze Gefühl bleibt und vermischt sich mit einer kleinen Portion Müdigkeit.
Der Abend vergeht im gemütlichen Aufenthaltsraum mit ein paar Leuten und der vergangene Tag wird nochmal durchlebt. Aber das war auch ein gigantischer Tag! Definitiv einer der anstrengendsten, aber auch einer der besten meines Lebens!

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Zum Schluss eine Bitte an alle sich sorgenden Menschen: ihr kennt mich, ich bin kein leichtsinniger Mensch, dennoch gibt es Gründe warum ich mein altes Leben in Deutschland hinter mir gelassen habe. Ich habe die letzten Jahre fast vorbildlich vor mir hingelebt, aber wirklich glücklich war ich nicht. Ich habe begriffen, dass ich nur dieses eine Leben habe und ich versuche das beste aus diesem zu machen. Ich möchte Herausforderungen entgegentreten, Ängste bekämpfen, an meine Grenzen gehen und manchmal auch darüber hinaus. Ich möchte Abenteuer erleben, Geschichten erzählen können, meinen Puls in die Höhe treiben, atemberaubende Momente erleben, die mein Herz klopfen lassen, als würde es mir gleich aus der Brust springen. Zumindest jetzt für den Moment. Das heißt nicht, dass ich leichtsinnig bin, auch wenn ich mich manchmal auf scheinbar gefährliche Unternehmungen einlasse.
Und trotzdem passe ich auf mich auf. Versprochen. Also: Weniger Sorgen machen, mehr für mich freuen. 🙂

 

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